Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage
Von Mensch zu Mensch - 18. November 2008

Von: Sarah Jane Weaver

Die virtuelle Welt

Man sollte Kinder nicht allein im Internet surfen lassen

Nach Ansicht von Fachleuten brauchen Kinder und junge Erwachsene beim Surfen im Internet und dem Umgang mit moderner Technik Hilfe. Viele Eltern werden sich aber erst selbst weiterbilden müssen, ehe sie ihren Kindern helfen können.

Jill C. Manning kann sich noch gut an die Erstausgabe des Videospiels Pong erinnern.

Pong erschien 1972 und basierte auf den Regeln von Tischtennis. Die Spieler bewegten zwei Streifen auf dem Bildschirm auf und ab, um einen Ball zu dirigieren, der in Gestalt eines Punkts kreuz und quer über den Bildschirm sauste.

Für den Teenager von heute ist Pong, das erste Videospiel, das sowohl in Spielhallen als auch im Handel großen Anklang fand, kaum noch von Interesse. Zu einem modernen Videospiel gehören realistische Bilder, Soundeffekte und Grafiken. Der Spieler kann sich das Spiel nach Lust und Laune zurechtschneiden. Er muss sich nicht im selben Raum wie seine Mitspieler aufhalten und denselben Bildschirm benutzen, sondern kann über das Internet Gegenspieler in fernen Ländern herausfordern.

Die heutigen Spiele seien für das Publikum von 1972 kaum noch nachvollziehbar, geradezu unvorstellbar, sagt Schwester Manning, eine diplomierte Ehe- und Familientherapeutin.

In vielen Haushalten liege das Problem gerade im technologischen Fortschritt. „Was die Technologie angeht, vor allem das Internet, leben die Eltern, die vielfach in einem Zeitalter vor dem Internet aufgewachsen sind, immer noch in den 60er, 70er oder 80er Jahren. Sie haben keine Ahnung, wo die Gefahren und Risiken, von denen wir sprechen, überhaupt liegen könnten.“

Durch das Internet habe sich die Art und Weise, wie junge Erwachsene soziale Kontakte pflegen, radikal gewandelt, sagt Schwester Manning, die vor einem Unterausschuss des amerikanischen Senats ein Gutachten über die schädlichen Auswirkungen der Pornografie vorgelegt hat und das Buch What's the Big Deal about Pornography: A Guide for the Internet Generation (Was ist schon dran an der Pornografie – eine Anleitung für die Internetgeneration) verfasst hat.

Pornografie im Internet beispielsweise sei nicht dasselbe wie ein starres Foto in einer Zeitschrift.

Mit nur einem Mausklick habe man vielmehr Zugriff auf ein „anscheinend grenzenloses Arsenal sexuell eindeutiger Bilder, zu denen oft Geräusche und bewegte Bilder hinzukommen, und die weit schamloser sind als die Pornografie vergangener Zeiten“, sagt sie.

Eigentlich sei in puncto Pornografie der Unterschied zwischen der Realität und den Vorstellungen, die viele Erwachsene davon haben, genauso groß wie der zwischen Pong und den heute gängigen Videospielen.

Auch wenn man mit dem Internet viel Gutes erreichen könne, sei es „kein sicherer Aufenthaltsort für Kinder“, meint Schwester Manning.

„Man sollte Kinder und Teenager in der virtuellen Welt nicht frei herumsurfen lassen“, findet sie.

Schwester Mannings Botschaft ist einfach: Die Eltern müssen mitbekommen, was ihre Kinder im Internet machen. „Ich glaube nicht, dass das Internet ein sicherer Ort ist, wo junge Leute ihre Privatsphäre ausbreiten können“, sagt sie.

„Auf der populären Internetseite MySpace.com sind über 180 Millionen Benutzerprofile angelegt. Damit ist sie die größte Kommunikationsplattform weltweit. Das klingt vielleicht nach einer großartigen Chance, eine Menge Leute kennenzulernen. Aber auf MySpace.com legen auch viele Sittlichkeitsverbrecher Profile an, um neue Opfer zu ködern.“

Schwester Manning zufolge hat MySpace.com allein in den ersten beiden Maiwochen 2007 die Profile von 7000 Sittlichkeitsverbrechern gelöscht und seitdem nicht damit aufgehört.

In einem Chatroom, sagt sie weiter, würden die Teilnehmer oft „zu Themen und Diskussionen verleitet, auf die sie im wirklichen Leben nicht eingehen würden“. Gespräche über Sex, Rassendiskriminierung, verbale Angriffe auf Homosexuelle sowie eine sexistische oder hasserfüllte Ausdrucksweise seien in Chatrooms weit verbreitet.

„Wenn man einen Chatroom aufsucht, ist das in etwa so, als besuche man eine Party, bei der irgendwelche Sexualstraftäter und andere Kriminelle und Grobiane mit normalen, anständigen Menschen zusammenkommen. Der entscheidende Unterschied liegt darin, dass bei der Party im Chatroom alle gleich aussehen – man kann sie nicht auseinanderhalten.“

Ein Teenager muss sich immer dessen bewusst sein, dass sich im Internet jeder so darstellen kann, wie er will, sodass man unmöglich wissen kann, wen man online vor sich hat. Deshalb sei es auch so wichtig, im Internet niemals Angaben zur Person zu machen, warnt sie weiter.

Schwester Manning rät Jugendlichen, einander erst einmal persönlich kennenzulernen und die Freundschaft dann mit Hilfe der Technik weiter zu pflegen.

Soziale Netzwerke wie Facebook oder MySpace seien heute das, was für vergangene Generationen einmal der lokale Treffpunkt für junge Leute war, meint Peter Ferioli, Direktor für den Jugendschutz im Internet beim Software-Anbieter ContentWatch. „Man trifft sich in der virtuellen Welt“, sagt er.

In mancherlei Hinsicht entwickle sich die virtuelle Welt für viele junge Menschen zu ihrem Familienkreis. „Die eigentlichen Eltern hinken der Entwicklung ständig hinterher“, sagt er.

„Das Internet gehört zu den wenigen Bereichen, die die Eltern in ihrer Jugend nicht selbst kennengelernt haben“, setzt Jack Sunderlage, Präsident der Firma ContentWatch Internet Protection, ergänzend hinzu.

Ein Problem liege darin, dass vielen jungen Leuten gar nicht klar ist, welche Folgen ihre Bewegungen im Internet haben, weil sie meinen, sie seien anonym. Es müsse ihnen aber bewusst sein, dass alles, was sie im Internet unternehmen, irgendwo gespeichert wird, sagt er.

Nach Auskunft von Dan Gray, diplomierter Sozialarbeiter und Direktor des Netzwerks LifeSTAR, machen sich immer mehr Eltern und Verantwortliche in Staat und Gesellschaft Sorgen, welchen Einfluss das Internet auf Kinder ausübt. „Sie vereinsamen und lernen die sozialen Fertigkeiten nicht, die sie brauchen, um im Leben zurechtzukommen“, sagt er.

Zwar fordern weder Bruder Gray noch Todd Olson, diplomierter Sozialarbeiter und Programmdirektor beim Netzwerk LifeSTAR, die Abschaffung des Internets oder des Computers aus dem häuslichen Bereich, aber die Eltern sollten doch aufpassen, was ihre Kinder im Internet machen.

Sie empfehlen Software, die von jeder E-Mail, die ein Kind abschickt oder empfängt, eine Kopie an die Eltern weiterleitet. „Kinder brauchen durchaus eine Gelegenheit, mit moderner Technik umzugehen“, sagt Bruder Olson. „Die wollen wir ihnen nicht nehmen. Wir wollen sie aber aufklären.“

Schwester Manning findet, dass man in der Familie offen über die Gefahren des Internets sprechen muss. „Wir müssen uns fragen: ,Wie können wir als Familie gemeinsam für die Sicherheit aller sorgen?‘“