Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage
Neues aus Deutschland - 18. Januar 2006

 

Die Gemeinschaft der Mitglieder -- die Hinterlassenschaft eines Propheten

 Er gründete eine einzigartige Kirche, die sich mit nichts in der Vergangenheit vergleichen lässt. Die bedeutsamste Hinterlassenschaft Joseph Smiths sei nicht das Wachstum der Kirche, die er gegründet hat, sondern der gute Zusammenhalt unter den Mitgliedern dieser Kirche, meint Terryl Givens, Dozent für Literatur und Religion an der University of Richmond in Virginia. Der Autor zahlreicher wissenschaftlicher Abhandlungen über die Kirche und Religion in Amerika hielt bei einer Andacht an der Brigham-Young-Universität am 29. November einen Vortrag mit dem Titel "Wie ein Blitz am Himmel -- Joseph Smith und die Schaffung einer Gemeinschaft".

"Joseph gelang es, eine einzigartige Gemeinschaft zu schaffen, wie es sie zuvor in der Geschichte der Welt kaum gegeben hatte", sagte Bruder Givens. "Das ist die wichtigere Tatsache und das nachhaltigere Geheimnis im Zusammenhang mit der Kirche." Bruder Givens zitierte Thomas Carlyle, der in Bezug auf Helden gesagt hat: "Bedeutende Menschen sind immer wie ein Blitz am Himmel. Die übrigen Menschen halten nach ihnen Ausschau wie nach Brennstoff, bis auch in ihnen das Feuer entfacht wird."

Bruder Givens stellte folgende Frage in den Raum: "Was hat Joseph Smith gelehrt und was hat er verkörpert, was nicht nur eine Gruppe gläubiger Anhänger angezogen hat, sondern diese so geprägt und zusammengeschweißt hat, dass daraus eine Gemeinschaft mit ungeheurem Zusammenhalt entstand, und was auch heute noch einer Gemeinschaft mit Millionen von Mitgliedern dieselbe Bindung und denselben Zusammenhalt gibt?"

In den Jahrhunderten vor Joseph Smith hatte die Religion die Verworfenheit des Menschen und seine angeborene Schuld in den Mittelpunkt gerückt. Sobald einige Denker zu dem Schluss kamen, dass im Menschen auch Potenzial zum Guten schlummert, wurden sie "von engstirnigen Systemen, strengen Hierarchien und starrer Rechtgläubigkeit auf Schritt und Tritt ausgebremst".

"Joseph Smith sorgte für die erste nahtlose und vollkommene Zusammenführung von Religion und Freiheit; in einem solchen Umfeld rollte er die Geschichte vom Ursprung des Menschen, seinem Wesen und seinem Potenzial völlig neu auf. In der größten intellektuellen Verschmelzung seines Zeitalters verkündete Smith, dass die Erhabenheit Gottes nicht zu Lasten der Menschenwürde geht. Er machte die Religion zum Anwalt von allem, was in den Sehnsüchten des Menschen gut ist, und nicht zu dessen Feind und -- was am bedeutsamsten ist -- verbreitete Lehren, mit denen er das richtige Verständnis dessen, dass das Wesen des Menschen und der zwischenmenschlichen Beziehungen von göttlicher Natur ist, zur Grundlage des wiederhergestellten Evangeliums machte. Ebendiese Erkenntnis erfüllte seine Anhänger in außergewöhnlichem Maße mit Selbsterkenntnis und einem gemeinsamen Ziel."

Joseph Smith lehrte, dass Gott nicht nur einen Körper aus Fleisch und Knochen hat, sondern dass er auch "ein Herz hat, das mit dem unseren im Gleichklang schlägt. Das ist die Wahrheit, die Millionen anspricht -- dass er echten Kummer empfindet, sich aufrichtig freuen kann und echte Tränen vergießt", erläuterte Bruder Givens. Er sagte auch, dass der Prophet stets eine persönliche Antwort auf seine Gebete erwartete, im Gegensatz zu den nebulösen Antworten, die Bestandteil der christlichen und der mystischen Philosophie waren. "Dieses Muster, das ich wechselseitige Offenbarung nenne, hebt Smith und die von ihm gegründete Religion deutlich von der christlichen Ansicht ab", dass "das Recht auf Prophezeiungen allein den Propheten zustehe".

"Persönliche Probleme sind auch die Probleme Gottes", so Bruder Givens. "Lösungen für aktuelle Probleme sind ein geeigneter Anlass für eine göttliche Botschaft aus dem Himmel. Diese Erkenntnis bindet die Menschen stärker an ihren Gott als jede sonstige Erklärung des Daseins."

Er ging auf vier Wahrheiten ein, die Joseph Smith verkündet hat. Erstens: Die Seele des Menschen hat schon immer existiert. Dieser Erkenntnis entspringt der eindrucksvolle Grundsatz, "dass der Mensch von Natur aus unschuldig ist".

Zweitens: Wenn der Mensch gleich Gott von ewiger Natur ist, gebietet die Logik, dass jeder Mensch von Natur aus sittlich selbständig ist und dass der Mensch endlos vervollkommnet werden kann.

"Indem er das göttliche Potenzial des Menschen auf so buchstäbliche Weise annimmt, erhebt Smith das Wesen des Menschen auf eine Stufe, die selbst den überschwänglichsten Humanisten der Renaissance die Sprache verschlagen würde", so Bruder Givens.

Drittens: Joseph Smith räumte den zwischenmenschlichen Beziehungen höchste Priorität ein und betonte, dass sie von Dauer sein können. "Smiths Freunde liebten ihn, weil sie wussten, wie groß seine Liebe zu ihnen war. Nichts spielte in seinem Leben eine größere Rolle als Freundschaft. Als er offenbarte, dass die gleichen gesellschaftlichen Beziehungen, die hier bestehen, auch in der ewigen Welt bestehen werden, bestätigte er damit, dass der Himmel aus einem Geflecht zwischenmenschlicher Beziehungen besteht, die sich in jede Richtung erstrecken. Am Ende seines Wirkens hatte er die Grundlage dafür gelegt, dass ein Mann für alle Ewigkeit an seine Frau gesiegelt werden kann, dass Eltern an ihre Kinder und ihre Kindeskinder gesiegelt werden können wie auch an ihre Eltern und deren Eltern über alle Generationen hinweg, und dass in der Kirche des Erstgeborenen Freunde an ihre Freunde gebunden werden können."

Parley P. Pratt hat gesagt: "Es war Joseph Smith, der mich lehrte, die von Liebe getragenen Beziehungen als Vater und Mutter, Mann und Frau, Bruder und Schwester, Sohn und Tochter richtig zu schätzen. Von ihm erfuhr ich von der ewigen Ehe und dass die reine Sympathie und Zuneigung, die uns einander näher brachten, vom Quell der ewigen Liebe Gottes ausgingen. Schon vorher hatte ich geliebt, doch ich wusste nicht, warum. Aber nun liebte ich mit einer Reinheit, mit einer Intensität erbauender und erhebender Gefühle, die meine Seele von den zeitlichen Belangen dieser niedrigen Sphäre löste und sie weit machte wie den Ozean."

Bruder Givens zufolge war der herausragende Stellenwert zwischenmenschlicher Beziehungen ein wesentlicher Aspekt der Wiederherstellung.

Joseph Smith hat gesagt: "Es war mein Bestreben, die Kirche so zu organisieren, dass die Brüder letztlich durch Bande und Bündnisse gegenseitiger Freundschaft und Liebe im celestialen Reich von jeder Last frei sein können."

Joseph Smith vertrat die gleiche Einstellung, die bezüglich der Familienangehörigen in der christlichen Urkirche herrschte und die "nichts Geringes war, sondern von allerhöchster Bedeutung".

Der vierte Aspekt hat mit religiöser Gewissheit zu tun. "Er war sich seiner Sache in jeder Hinsicht so sicher, wie es nur irgend möglich ist" und "von der Realität erfüllt". Er sah in seinen eigenen Erfahrungen mit dem Empfangen von Offenbarung "ein Muster, an das sich andere halten können und sollen". Diese Gewissheit "prägt das Leben, die Gottesverehrung, den persönlichen Ehrgeiz und das gemeinsame Streben der Mormonen" und kommt in der rhetorischen Welt der Zeugnisversammlungen zum Ausdruck, die "von Äußerungen ruhiger Gewissheit, unerschütterlicher Überzeugung und selbst vom Kundtun sicheren Wissens [geprägt sind] und weit über herkömmliche allgemeine Glaubensäußerungen hinausgehen".

Der Nachteil solcher Gewissheit, so Bruder Givens weiter, sei, dass sie "eine gewisse Selbstgefälligkeit" hervorrufen könne, nämlich "die Ansicht, dass es nicht nötig sei, zu hinterfragen, und dass diejenigen am Rand stehen, die diese Gewissheit nicht teilen können".

Zweifellos kommt der Glaube unter einigen Gelehrten zu kurz, gleichzeitig ist "der Aufruf zu glauben eine Aufforderung, mit dem Herzen zu denken, es so einzustellen, dass es im Gleichklang mit Grundsätzen, Werten und Idealen schlägt, von denen wir inständig hoffen, dass sie wahr sind, und die wir aus vernünftigen, aber nicht erwiesenen Gründen für wahr halten".

"Worauf wir letztlich ansprechen -- Glaube oder Zweifel -- ist das beste Spiegelbild dessen, wer wir sind und was uns wichtig ist. Aus diesem Grund ist der Glaube oder die Entscheidung zu glauben abschließend betrachtet in positiver Hinsicht eine Handlung von moralischer Tragweite."

Es gibt gute Argumente für die eine wie die andere Seite, aber der Einzelne kann durch nichts dazu gezwungen werden, das eine dem anderen vorzuziehen.

Dennoch "gibt es im Universum oder in jedem denkbaren Universum nichts, was auf noch vollkommenere Weise gut, von vollendeterer Schönheit, bewundernswerter oder vorbildlicher ist als dieser Christus -- und ein Ausdruck des Glaubens in dieser Hinsicht, ein Wille, der sich in dem Wunsch zeigt, die Tugenden Christi als höchstes Gut eines unterteilten Universums anzuerkennen, entspringt dem Besten in uns, dem Besten und Erhabensten, dessen die menschliche Seele fähig ist".

Bruder Givens schloss mit folgenden Worten: "Joseph Smith hat in tausenden Männern und Frauen etwas entfacht, was sie nachhaltig an Gott und aneinander bindet."

Bildunterschrift 1: Diese Darstellung von John Falter, wie Joseph Smith im Tempel in Kirtland das Evangelium verkündet, zeigt, mit welcher Vollmacht der Prophet lehrte und welch enge persönliche Bindung er zu seinen Anhängern hatte. Dauerhafte Beziehungen waren ihm wichtig.

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Bildunterschrift 2: "Bruder Joseph", hier in einem Porträt von David Lindsley, sorgte für die "erste nahtlose und vollkommene Zusammenführung" von Freiheit und Religion, so der Dozent Terryl Givens.