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Kommt, seht und fühlt

PILZ-Wolfgang
Elder Wolfgang Pilz Gebietssiebziger, Deutschland

Die sechziger Jahre des letzten Jahrhunderts waren in der Kirche in Europa von bedeutenden Veränderungen und neuem Wachstum gekennzeichnet. Elder Ezra Taft Benson vom Kollegium der Zwölf Apostel, der spätere Präsident der Kirche, war nach Europa berufen worden, um hier von Frankfurt aus über die Europäische Mission zu präsidieren. Unter seiner Leitung wurden Initiativen gestartet, um die Kirche in den Ländern Mitteleuropas und besonders in Deutschland, das am stärksten von den Zerstörungen des Zweiten Weltkriegs betroffen war, aus dem Dunkel zu holen. Viele Gemeinden in Deutschland hatten ihre Gebäude verloren und versammeltem sich jetzt in Wohnungsetagen oder Hinterhofgebäuden.

In meiner Heimatstadt traf man sich in einem Geschäftshaus in der Innenstadt, in dem sich ein Schuhgeschäft, eine Zahnarztpraxis und in der obersten Etage die Wohnung des Hausbesitzers befanden.

Ein für mich einschneidendes Ereignis aus meiner Kindheit ist bis heute tief in meine Erinnerung eingeprägt: Ein kleiner PV-Junge hatte sich am Schloss der Haustür zu schaffen gemacht und offensichtlich das Schlüsselloch verstopft. Während die Gemeindemitglieder nun in der Abendmahlsversammlung saßen, stürzte plötzlich der aufgebrachte Hausbesitzer in die Ruhe der Versammlung hinein und überschüttete uns mit seinen zornigen Beschimpfungen und Drohungen. Danach schien nichts mehr wie zuvor. Das Gefühl der Sicherheit und Geborgenheit war verloren.

Kurze Zeit später besuchte Präsident Benson die Gemeinde in Darmstadt und verkündete, dass ein eigenes Haus errichtet werden solle.

Die große Herausforderung für eine Gruppe von zehn jungen Familien und einigen älteren treuen Witwen bestand darin, einen Teil der benötigten Finanzmittel aus eigenen Spenden und im Wesentlichen mit eigenem Arbeitseinsatz zu erbringen.

Was dann folgte, waren drei Jahre gemeinsamer intensiver Arbeit, um ein geräumiges Gemeindehaus am Rande der Stadt zu errichten.

In einer Zeit, in der manch eine der beteiligten Familien vielleicht ein eigenes Heim mit Nachbarschaftshilfe errichtet hätte, wurden alle Kräfte gebündelt und jede freie Stunde mit dem Gemeindehausbau verbracht. Das Baugrundstück, die Kellerräume und die Lüftungsschächte wurden für uns Kinder zum Abenteuerspielplatz, denn an jedem Wochenende trafen sich die Familien dort zu gemeinsamer Arbeit. Bis heute ist mir das Bild meiner Mutter mit dem größten aller im Hause verfügbaren Kochtöpfe in Erinnerung geblieben, in dem ein köstlicher Eintopf zubereitet und mit zur Baustelle getragen wurde.

In einer einmaligen Initiative wurden in der Zeit von 1961 bis 1967 mehr als 120 junge Brüder berufen, als Bau-Missionare zu dienen. Sie wohnten bei Mitgliederfamilien, arbeiteten von morgens bis abends auf der Baustelle und waren für einige Zeit Teil der Gemeindefamilie. Für uns Kinder waren sie ein großes Vorbild, ihre Namen sind uns bis heute im Gedächtnis geblieben. Durch ihren Arbeitseinsatz war die Errichtung eines Gemeindehauses zusammen mit wenigen Fachleuten überhaupt erst möglich geworden.

Von Flensburg im Norden Deutschlands bis Graz im Süden Österreichs wurden fast 60 Gebäude auf diese Weise errichtet.

Unsere Gemeindehäuser sind neben dem Tempel und unserem eigenen Heim heilige Stätten, in denen wir unseren Gott verehren, zu ihm beten, belehrt werden und geistige Führung erhalten.

Das Gemeindehaus nimmt dabei eine besondere Stellung ein, denn es ist der Ort, den jeder, der sich ordentlich benimmt, ohne weitere Vorbedingungen betreten kann.

In der Vergangenheit haben wir oft unsere Freunde zum Gemeindehaus gebracht, wenn es kulturelle Ereignisse, Sportaktivitäten oder Feste zu feiern gab. Sie waren alle von unserem Gemeindeleben beeindruckt, doch fehlte ihnen oft der tiefere geistige Einblick.

Später haben wir erkannt, dass unsere Freunde nur dann vom Geist berührt werden und die Lehre von Christus erkennen können, wenn wir sie zur Abendmahlsversammlung mitgebracht haben, dort, wo wir selbst „Öl für unsere Lampen“ durch die regelmäßige Teilnahme am Abendmahl sammeln.

Unsere Kapellen mögen schlicht und ohne Bildschmuck sein und der Abendmahlstisch erst während der heiligen Handlung zum Altar werden, doch die Botschaft, dass wir Christus als unseren Erretter und Erlöser verehren und wir durch die würdige Teilnahme am Abendmahl seine Begleitung und Führung immer in Anspruch nehmen können, kann hier in die Herzen der Menschen eindringen.

Es gibt keinen besseren Ort, wenn wir einem Freund diese Wahrheit vermitteln wollen.